Japanforschung 2019

Im deutschsprachigen Raum wird an unzähligen Standorten zu Japan geforscht. Ob direkt in der Japanologie oder in anderen Disziplinen: aktuelles Wissen zu Japan wird fleißig geschaffen und wartet nur darauf, geteilt zu werden.

Auf der Connichi 2018 haben wir ein Forum eröffnet, um in Beiträgen ganz verschiedener Disziplinen einen Dialog zwischen unseren Besuchern und der akademischen Welt zu eröffnen. Auch in diesem Jahr möchten wir den Forschenden wieder die Möglichkeit geben, ihr Wissen mit interessierten Zuhörenden zu teilen – in einem Rahmen, in dem es Freude macht, etwas neues zu lernen.

Alle Vorträge der Japanforschung finden im Kolonnadensaal 6 statt. Um bei einem Vortrag dabei zu sein, stellt euch bitte max. 30 Minuten vor Beginn an. Nach jedem Vortrag werden die Räume geleert.

Freitag

Freitag, 14:30 UHR

Veränderungen des religiösen Lebens nach „3.11“ in Fukushima: Mit der dreifachen Katastrophe am 11.3.2011 veränderte sich für viele in Ostjapan ihr ganzes Leben. Zwischen Medienberichten, Wiederaufbau und Atomkatastrophe versuchen auch religiöse Gruppen, ihren Weg zu finden, die Ereignisse zu verarbeiten. Dieser Vortrag soll einen Einblick in religiöse Angebote, Veränderungen und Folgen für religiöse Gruppen in Fukushima geben, während das Verhältnis von Religion und Katastrophen auch historisch kurz beschrieben wird.

Dunja Sharbat Dar, B.A. steckt gerade in den letzten Zügen ihres Masters in Religionswissenschaft am Centrum für religionswissenschaftliche Studien an der Ruhr-Universität Bochum. Während des Bachelors, in dem sie auch Japanologie studierte, verbrachte sie ein Jahr an der Fukushima University und erlebte das Wiederaufleben der Region mit eigenen Augen. Als begeisterter Fan der japanischen Popkultur forscht Dunja, neben der Untersuchung von Religion und Katastrophen, auch über religiöse Phänomene in Manga und Anime.

Freitag, 16:00 UHR

Fast alle japanischen Jugendlichen besuchen die High-School, von denen wiederum ein Großteil den weiteren Bildungsweg an einer der über 700 Universitäten Japans einschlägt. Über das japanische Bildungssystem hört man oft folgendes: Die Kinder und Jugendlichen müssen von morgens bis abends pauken, pauken, pauken, meist in den juku, den „Paukschulen”. Doch wenn sie das tun und „sich Mühe” geben, werden sie im auf Gleichheit ausgerichteten Bildungssystem erfolgreich sein. Oder doch nicht? Wie egalitär ist das japanische Bildungssystem tatsächlich? Welche Rolle spielen die juku, die „Paukschulen”, dabei? Schulen in Japan werden jährlich in einem landesweiten Ranking geordnet. Die besseren Schulen (und Universitäten) genießen Elite-Status und große Popularität, und die Aufnahme in diese läuft meist über Prüfungen. Genau auf diese Aufnahmeprüfungen sollen die juku, private „Paukschulen”, vorbereiten. Kinder werden teilweise seit dem Grundschulalter in die juku geschickt, wo das Angebot von klassischer Nachhilfe bis hin zu personalisierter Prüfungsvorbereitung für die Wunsch-Schule reicht. Doch dieses Angebot hat seinen Preis – ein Preis, den viele, aber nicht alle, Eltern zahlen können. Was geschieht mit den Kindern, deren Eltern sich die juku nicht leisten können? Wie wirkt sich ein (Nicht-) Besuchen der juku auf die Chancen in den Aufnahmeprüfungen aus? Und warum gibt es die juku überhaupt?

Sevgi Memov, B.A. studiert gerade im Master Japanologie der Universität Heidelberg. Ihr Interesse an Japan hat früh angefangen, erst über TV-Sendungen und danach mit der Geschichte und Kultur des Landes. Vor 7 Jahren begann sie mit dem Studium der Japanologie an der Universität Heidelberg. Während ihres Studiums konnte sie jeweils ein Jahr in Japan an einer Austauschuniversität verbringen. Ihre Bachelorarbeit hat sie über Kinderarmut und die prekäre Lage alleinerziehender Mütter in Japan geschrieben, wodurch ihr Interesse am jetzigen Forschungsthema geweckt wurde: Die Ungleichheit im Bildungssystem.

Dieser Vortrag entfällt leider.

Am 1. Mai tritt ein neuer Kaiser an und es beginnt die Reiwa-Ära. Bei solch einem wichtigen Ereignis besuchen viele Japaner Shintō-Schreine und Tempel und kaufen Glücksbringer für sich und ihre Familienmitglieder. Glücksklee und Glücksschweinchen sucht man dabei jedoch vergebens, hier findet man statt dessen z.B. Eulen, Winkekatzen, Drachen oder Glücksglöckchen. Welche Gedanken hinter diesen Objekten stehen, und was sie zu geeigneten Talismanen oder Amuletten macht, ist Thema dieses Vortrags.

Professor Claudia Marra ist 1962 in Krefeld geboren und hat bereits seit ihrer Jugend Interesse an japanischen Kampfsportarten (Dangrade in Judo, Karate, Kendo und Jodo). Nach dem Abitur hat sie Japanologie (Schwerpunkt Geschichte/Geistesgeschichte Japans) und Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum studiert und ist anschließend als Deutschlehrerin in Tokyo tätig gewesen. Seit mehr als 20 Jahren unterrichtet sie an der Fremdsprachenuniversität Nagasaki, wo sie zur Professorin berufen worden ist. Dort unterrichtet sie nicht nur Deutsch und Deutsche Kultur, sondern hält auch Lehrveranstaltungen im Bereich Japanische Kultur und Geschichte für die internationalen Studenten ab. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Kultur und Geschichte der Edo-Zeit, besonders der Ōbaku Zen Buddhismus, sowie die materielle Kultur und Ikonografie der Zeit.

Freitag, 19:30 UHR

In der Heisei-Ära (1989-2019) ist die Katze in der japanischen Kultur überall vertreten und nicht mehr wegzudenken. Der älteste Nachweis für eine Hauskatze in Japan lässt sich aus dem Tagebuch des jungen Kaisers Uda (Regierungszeit: 887-889) herauslesen. Darin beschreibt er seine pechschwarze Katze. Kaiser Uda ist somit der erste japanische „Katzenliebhaber“. Die wohl berühmteste Katze Japans (ohne einen vorhandenen Mund) ist „Hello Kitty“, die von der Firma Sanrio im Jahre 1976 ins Leben gerufen wurde. Sie teilt sich die Beliebtheit mit der älteren Roboterkatze „Doraemon“. Doch wieso ist die Katze in Japan so beliebt? Das Thema des Vortrags ist der „Katzen-Boom“ 猫ブーム (neko bûmu) und wie dieser sich während der Heisei-Ära in der japanischen Gegenwartskultur entwickelt hat. Dabei ist das japanische Volk auf dem Archipel sehr kreativ und hat von Katzenliteratur, Ratgebern zum Leben mit einer Katze, über berühmte lebende und verstorbene Katzen bis hin zum Katzencafé und virtuelle „Katzen-Sammel“- Spiele viele Möglichkeiten entwickelt, um Profit aus dem Wesen der Katze zu schlagen. Manche dieser Umsetzungen sind tierfreundlich, andere wiederum sind tierethisch fragwürdig. All diese „Katzen-Fakten” und Fragen schauen wir uns gemeinsam an!

Cheyenne Dreißigacker, B.A. hat 2016 ihren Bachelor in Japanologie und Kunstgeschichte absolviert. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Hilfskraft und studiert im Master “Japan in der Welt” an der Japanologie Frankfurt (Goethe Universität). Ihr Schwerpunkt sind Tiere und Mensch-Tier-Beziehungen im aktuellen Japan. Zu diesem Themengebiet gibt es noch sehr viel zu erforschen und aufzuarbeiten! 2017 hatte Cheyenne die Möglichkeit, für ein Semester an der Rikkyô Universität in Tôkyô zu studieren und wohnte in dieser Zeit im schönen Saitama. Derzeit bereitet sie sich auf ihre Masterarbeit vor, in der sie sich voraussichtlich mit “Begegnungssituationen von Mensch und Tier in Japan” beschäftigen wird.

Freitag, 21:15 UHR

Philosophie, insbesondere Deutsche, genießt in Japan seit Dekaden ein hohes Ansehen. Es gibt Gesellschaften zu Hegel, Fichte, Kant und vielen mehr, doch… warum ist das so? Was macht diese Denker für Japan so interessant, was sind die aktuellen Schwerpunkte und was habe ich, während eines Vortrags in Tokyo bei der Japanischen Hegel-Gesellschaft, für Erfahrungen machen können? Aber auch aus der entgegengesetzten Persepktive möchte ich fragen: Was sind denn bereits Anker- und Anknüpfungspunkte für diese Form der Philosophie in der japanischen Gesellschaft? Dieser Vortrag wird dementsprechend ein Crossover aus akademischer Philosophie in Deutschland und Japan, ein Erfahrungsbericht von Einem, der sich bisher nur mit dem einen auskannte und nun das andere erlebt hat. Eine, auch mit Anekdoten gespickte Reise in das Land, das uns alle irgendwie interessiert – Japan.

Till Neßmann, B.A. lebte bereits drei mal im Ausland: Türkei, Tschechien und nun, vergangenen Winter, in Japan. Auch wenn Kagoshima, also “sein Japan”, sicherlich nicht die klassische Stadt ist, um Japan zu erleben, ist sie ihm ans Herz gewachsen wie keine zweite Stadt in Japan. Nebenher studiert er Philosophie (Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg) und versucht sich so seinen eigenen, ganz besonderen Blick auf die Dinge zu erhalten. Da vor allem der deutsche Idealismus, als philosophische Strömung, in Japan hohes Ansehen genießt, durfte er vor der Japanischen Hegel Gesellschaft (Nihon Hegeru Gakkai) im Winter 2018 einen Vortrag halten. Abgesehen davon ist Till Sportlehrer, hält hier und da Vorträge und versucht, jede Erfahrung als eine Wertvolle zu genießen.

Samstag

Samstag, 10:30 UHR

Von den ersten Reiseberichten aus Japan, über die Japonismuswelle Anfang des 20. Jhds. zu Hollywoodfilmen der Nachkriegszeit – stereotypische Darstellungen japanischer Frauen in verschiedensten medialen Formaten folgen einer Tradition, die sich von den Anfängen westlich-japanischer Beziehungen bis in die Moderne zieht. Als dominierend in den anfänglichen Darstellungen kann dabei das Bild der japanischen Frau als passiv, dem Mann untergeordnet, und häuslich angesehen werden, was zudem von den Verbreitern dieser Medienbilder häufig positiv als Ideale einer perfekten Ehefrau hervorgehoben wurde. Als entscheidend für die Vermittlung von stereotypischen japanischen Frauenbildern im Westen stellt der Vortrag die Reiseberichte der Edo- und Meiji-Zeit, die ersten Butterfly-Narrative und die Hollywood-Filme der Nachkriegszeit heraus und ergründet anhand von Auszügen aus den jeweiligen Medienformaten, in welchen Kontexten diese Stereotypen entstanden sind und unter welchen Vorrausetzungen sie im Westen verbreitet wurden. Über diesen Blick auf die Historie der Bilder ergibt sich auch eine aktuelle Komponente: Viele, aber nicht alle Stereotype sind auch heutzutage bekannt. Manchmal werden sie als stereotypisch erkannt, manchmal sogar in den gleichen Kontexten verwendet, wie die ursprünglichen Verbreiter – und häufig sind mit popkulturellen Phänomenen, wie japanischen Maid-Cafés, dem Lolita-Kleidungsstil oder Waifus, neue Kontexte hinzugekommen, in denen japanische Frauen im Westen verstanden werden. Diese aktuellen Stereotype werden in diesem Vortrag in Beziehung zu den „klassischen“ Stereotypen gesetzt und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren Darstellungen erarbeitet.

Ariane Hertel, B.A. studierte von 2014 bis 2018 Modernes Japan und Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und schloss daran direkt den konsekutiven Masterstudiengang an.

Samstag, 12:00 UHR

Der Beitrag setzt den Vortrag „Schule in Japan“ auf der Connichi 2018 fort und greift eine Idee der Zuhörer auf, Darstellungen aus Manga mit der Schulwirklichkeit in Japan zu vergleichen. Das reiche Videomaterial der Vortragenden im Bereich Schulforschung der letzten 20 Jahre ermöglicht umfangreiche Einblicke in den Schulalltag Japans. So lassen sich Images über Lernen in Japan, die u. a. durch Manga-Konsum entstehen, reflektiert bereichern, bestätigen oder widerlegen. Der Austausch mit den Zuhörern ist ausdrücklich erwünscht. Gern können im Vorfeld Schulszenen aus Manga eingescannt an die Vortragende geschickt werden und finden so im Vortrag Platz. (Einsendeschluss: 31. 7. 2019 sabine.meise@uni-oldenburg.de)

Sabine Meise ist Dipl.-Rehabilitationspädagogin und Lehrerin für die unteren Klassen (DDR). Seit 1988 arbeitet sie als Lehrerin und Wissenschaftlerin an verschiedenen Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen – davon 10 Jahre in Japan (u. a. im JET-Programm, an der Ritsumeikan Uji JHS / SHS, am Goethe-Institut Kyôto und an der Universität für Fremdsprachen Kyôto). Sie publizierte vielfältige Artikel und gestaltete Ausstellungen sowie Vorträge und Workshops nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan, Malaysia, Luxemburg, Kanada und der Schweiz. Seit Nov. 2017 arbeitet sie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik.

Samstag, 13:30 UHR

Bis heute wird das Bild einer homogenen japanischen Gesellschaft in Japan hochgehalten. Trotzdem mussten einzelne Städte wie Osaka seit den 1980er Jahren mit einer ansteigenden Zahl an internationalen Migranten zurechtkommen. Der Vortrag gibt einen Einblick in die internationalen Minderheitengruppen in Osaka, ihrer historischen Herkunft und täglichen Probleme im heutigen Japan, ergänzt mit persönlichen Erfahrungen als Austauschstudentin in Japan.

Anne Pilhofer, B.A. ist derzeit Masterstudentin im letzten Semester des Erasmus Mundus Programmes Euroculture (University of Groningen (NL), University of Udine (IT)). Zuvor absolvierte sie den Bachelor Studiengang Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt (Oder)). Im Zuge ihres Masterprogrammes hat sie ein Auslandssemester in Japan an der Osaka University verbracht. Dort lag der Forschungsschwerpunkt auf der Japanischen Kultur und Gesellschaft im Vergleich zu Europa, unter anderem wurden die Verbindungen der japanischen Sprachen mit den gesellschaftlichen Normen diskutiert.

Samstag, 15:15 UHR

Yakumo Koizumi (1850-1904), geboren Lafcadio Hearn, war ein Vorläufer des Kulturaustausches zwischen Japan und Europa. Indem er aus Japan für englische Medien schrieb, wurde er zu einem Chronisten des turbulenten Kulturwandels der Meiji-Zeit. Dabei setzte er sich ständig mit den orientalistischen Stereotypen auseinander, die im British Empire der viktorianischen Zeit kursierten. Sein Werk verbindet den anthropologischen Essay mit folkloristischen und persönlichen Geistergeschichten. Heutzutage sagt sein Werk noch viel über unsere Vorstellungen von Ost und West aus. Ein Überblick lässt die Motive von Liebe, Rache und Erlösung erkennen, die sowohl als kulturell relativ als auch universal menschlich erscheinen.

Dr. des Diego Alegría hat einen Bachelor in Hispanischer Literaturwissenschaft an der PUCP in Peru absolviert. Darauf nahm er das Studium der Komparatistik an der Ruhr-Universität Bochum auf, wo er seine Promotion abschloss. Seine Dissertation zur Fantastik und Intermedialität im Werk Neil Gaiman erscheint demnächst im C. A. Bachmann Verlag. Er hat an Universitäten in Peru, USA und Deutschland unterrichtet. Seine Forschungsschwehrpunkte sind unter anderem die Beziehungen zwischen Fantastik, Fantasy und Märchen, intermediale Narratologie, Genderkritik, Manga und Interkulturalität.

Samstag, 16:45 UHR

Waren Tengu im japanischen Mittelalter noch gefürchtete Mischwesen zwischen Vogel und Mensch, die in den Wäldern ihr Unwesen trieben, werden sie heute oft sogar liebenswert und niedlich dargestellt. In meinem Vortrag betrachte ich exemplarisch die Geschichte des Tengu Dōryō, der von einem gefährlichen Magiekundigen zum Schüler eines Zen-Mönchs geworden sein soll und fortan über dessen Tempel, einen der wichtigsten der Sōtō-Zen-Schule, und seine Anhänger als Schutzgottheit wacht. Nach der Meiji-Restauration 1868 und der Trennung von Buddhismus und Shintō wurde er umbenannt von einem Großen Avatar (daigongen) zu einem erleuchteten Bodhisattva. Seine Statue ist geheim und wird nur selten der Öffentlichkeit gezeigt. Dennoch ziehen weitere Tengu-Statuen, Bilder und andere Paraphernalia die Blicke auf sich. So wird Dōryō nicht nur von den Zen-Mönchen regelmäßig verehrt. Bereits vor dem „Tengu-Boom“ der späten Edo-Zeit kamen Scharen von Besuchern von nah und fern, um ihn zu verehren. Auch heute noch ist Dōryō beliebt: Tausende genießen die mystische Atmosphäre der alten Tempelanlage im Zedernwald des Ashigara-Gebirges, erfreuen sich aber ebenso an Souvenirs mit niedlichen Tengu-Figuren.

Niels H. Bader, Magister hat zwei Magisterstudiengänge (Japanologie, Sinologie, Ethnologie, Religionswissenschaft) abgeschlossen und ist seit 2014 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Japanologie der Freien Universität Berlin tätig. Seine Promotion schreibt er zum Thema: Klassische chinesische Dichtung im gegenwärtigen Japan. Weitere Schwerpunkte seiner japanologischen Forschung sind klassische und moderne Literatur und Dichtung, Wissenschaftsgeschichte und japanische Religionen.

Samstag, 18:00 UHR

In den deutschsprachigen Sozialwissenschaften (sowie in zunehmendem Maße auch in der Japanologie) ist „Prekarisierung“ seit einigen Jahren ein Thema, dem viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Doch im Alltag erntet man bei der Verwendung dieses Begriffs häufig verwirrte Blicke. Dabei hat der Soziologe Pierre Bourdieu schon Ende des letzten Jahrhunderts festgehalten, dass Prekarität, die für ein erstes Verständnis als Unsicherheit von Arbeits- und Lebensverhältnissen begriffen werden kann, „überall“ ist. Zunehmende Befristung und Verunsicherung der Arbeitsverhältnisse, die ständige Angst vor Arbeitslosigkeit, Wohnunsicherheit, die Betonung von (Eigen-)verantwortung – all das sind Phänomene einer Prekarisierung (d.h. das Unsicherwerden von Arbeits- und Lebensverhältnissen), die in immer mehr Bereiche und Schichten der Gesellschaft und des Lebens vordringt. Doch auch das Sozialer- und Kreativerwerden von Arbeit und die Loslösung von starren Fabrik- oder Bürostrukturen gehören dazu, ebenso wie das Potential zu einer neuen Art des Zusammenkommens und politisch Aktivwerdens: „Prekarität als Aktivismus“. Vor dem Hintergrund der Hypothese, dass es sich bei Japan um eine „Prekarisierungsgesellschaft“ handelt, möchte ich drei relativ junge Gewerkschaften vorstellen, die unabhängig von gewerkschaftlichen Dachverbänden auf eher regionaler Ebene agieren und sich in besonderem Maße mit prekären Verhältnissen befassen. Ich werde ihren Aktivismus als eine neue Art des Gewerkschaftsaktivismus vorstellen, der sich neben klassischen gewerkschaftlichen Themen wie Lohn, Arbeitsrechte oder Arbeitskampf auch auf weitere Bereiche des Lebens und der Gesellschaft richtet und sich von etablierten Gewerkschaften dadurch unterscheidet, dass er großen Wert auf Prinzipien wie Offenheit/Inklusion, Freiwilligkeit und das Miteinander (tsunagari) bzw. die zwischenmenschlichen Beziehungen (ningen kankei) unter den Mitgliedern legt.

Julia Glöckl, M.A. ist 1990 in Neubrandenburg geboren. Nach einem Auslandsaufenthalt in Hachinohe (Präfektur Aomori, Japan) 2006-2007 entschloss sie sich, Japanologie zu studieren. Sie begann ihr Studium 2009 an der Universität Leipzig und beendete es 2016 mit einem Master in Japanologie und einem in Philosophie. 2016-2017 arbeitete sie als Wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Leipzig und leitete danach an der Japanologie Leipzig einen Lektürekurs zum marxistischen Feminismus von Ueno Chizuko. 2016 begann sie ihr Promotionsstudium an der Japanologie Leipzig. Das Thema ihres Dissertationsprojekts, an dem Sie noch immer forscht, lautet “Prekarisierung und Aktivismus in Japan”. Seit 2017 ist sie Promotionsstipendiatin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ihre Forschungsinteressen liegen neben Prekarisierung und (Gewerkschafts-)aktivismus auch auf sozialen Bewegungen. Dabei verbindet sie ihre Beschäftigung mit Japan immer auch mit dem Wissen zur Situation in Deutschland und anderen Ländern.

Samstag, 19:45 UHR

Zum Leben eines Fans gehört natürlicherweise die tiefe Auseinandersetzung mit dem, was man liebt. Ob man sich nun Fans von Harry Potter, Herr der Ringe oder Game of Thrones anschaut, Fans genießen es zu analysieren, zu interpretieren und untereinander zu diskutieren. Bei Anime-Fans verhält es sich nicht anders. Vor allem auf YouTube kann das Medium Anime im Rahmen von Videos sehr schön auseinandergenommen werden. Dabei ziehen die Fans, die ihre Erkenntnisse und Gedanken mit anderen teilen möchten, oft Wissen über die Geschichte von Anime oder über die sozialen und kulturellen Hintergründe in Japan hinzu. Inwiefern unterscheidet sich ihre Leistung, die eindeutig als intellektuell angesehen werden kann, von der wissenschaftlichen Arbeit von Japanologen, die über Anime schreiben? In der Wissenschaft gibt es größtenteils klar identifizierbare Strukturen, die etwas als „wissenschaftlich“ legitimieren. Doch ist es unter Anime-Fans nicht genauso, dass manche Meinungen ernster genommen werden als andere? Welche Strukturen der Legitimation gibt es in der Fancommunity und inwiefern sind diese anders als die in der wissenschaftlichen Community der Japanologen?

Violetta Janzen, B.A. ist Studierende im Master Japanologie an der Universität Heidelberg. Ihren Bachelor hat sie dort abgeschlossen und in ihren mittlerweile fast 9 Jahren Studium kam sie zwei Mal in den Genuss für jeweils ein Jahr nach Japan zu gehen. Nachdem sie ihre Bachelor-Arbeit zum Thema japanische Edelnutten im 17. Jahrhundert schrieb, entschied sie im Master, ihr Hobby zu 100% zu ihrem Beruf zu machen und widmet sich nun der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der japanischen Populärkultur, in erster Linie ihrer größten Leidenschaft Anime.

Samstag, 21:15 UHR

Der männliche Blick ist überall – und je intensiver die feministische Debatte ins Blickfeld öffentlicher Diskussion gerät, desto bewusster werden wir uns dessen. Wir ärgern uns über die Helm Kampagne des Bundesverkehrsministeriums, in dem junge Frauen zu ihrem Fahrradhelm nur Unterwäsche tragen, gleichzeitig ist Sailor Moon in ihrer knappen Schuluniform nach wie vor ein beliebtes Vorbild für viele Cosplayer*innen. Mein Vortrag soll am Beispiel der Magical Girls zeigen, wie Cosplay emanzipatorisch wirken kann. Cosplay is NOT consent.

Charlotte Reinhardt schließt derzeit ihr Studium der Philosophie und der Kulturwissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg ab. Im Rahmen ihres kulturwissenschaftlichen Studiums hat sie sich vor allem mit Jugendszenen und Körperbildern auseinandergesetzt. Solange wir uns nicht unsichtbar machen können, müssen wir irgendwie mit unseren Körpern umgehen. Wie wir das gestalten – dieser Frage geht sie nach.

Sonntag

Sonntag, 10:30 UHR

Pokémon sind wirklich japanische Monster? Animefiguren Götter? Auch heute noch sind Mythen und Märchen aus alten Zeiten sehr beliebt. Ständig werden sie neu erzählt und für die verschiedensten Zwecke verwendet. Einst grausame Monster werden zu kuscheligen Maskottchen und verräterische Götter zu Helden. Dabei stellt die japanische Vielfalt an mystischen Wesen keine Ausnahme dar. In meinem Vortrag wird vorgestellt, wie Motive und Figuren aus der japanischen Mythologie und Folklore Verwendung in modernen Medien finden. Dabei werde ich auf Eigenschaften und Aspekte der ursprünglichen Figur oder Geschichte eingehen. Darauf aufbauend wird analysiert, welche Veränderungen in der modernen Adaption vorgenommen wurden.

Julia Dolkovski, B.A. stammt aus Erfurt, studiert aber bereits seit sechs Jahren an der Japanologie in Tübingen. Während ihres Studiums hat sie ein Jahr in Kyōtō studiert und durfte dort die japanische Kultur aus nächster Nähe kennenlernen. Im Moment schreibt sie an ihrer Masterarbeit über die Sonnengöttin Amaterasu. Ihren Bachelor hat sie 2017 abgeschlossen, ebenfalls zu einem mythologischen Thema. Während ihres Studiums hat sie vor allem zu japanischen Religionen und der japanischen Geistesgeschichte gearbeitet. In ihrer Forschung vergleicht sie die Geschichten der japanischen Götter mit solchen, die wir aus anderen Kulturen kennen. Außerdem interessiert sie sich dafür, wie Motive der Mythologie und Folklore in Populärmedien wie Videospielen, Manga und Anime verwendet werden.

Sonntag, 12:00 UHR

Mystifizierung, Sexualisierung, soziale Ausgrenzung und Weltkulturerbe: dieser Vortrag erzählt die turbulente Geschichte der Ama-Taucherinnen. Spärlich bekleidet und mit wenig Hilfsmitteln tauchen sie bis zu 20 Meter tief nach Meeresfrüchten. Bekannt sind sie durch alte Holzschnitte (z. B. Hokusais “Der Traum der Fischersfrau”), zahllose TV-Reportagen und durch den James Bond-Film “You only live twice” (1967). Aber trotz ihrer Berühmtheit und jahrtausendealten Arbeitstradition gefährden heute Überalterung und Umweltprobleme ihre Zukunft. Ich habe vier Jahre lang die Ama-Gemeinschaft der Insel Hegura erforscht, die als “speziellste” und isolierteste Gruppe in Japan gilt. In diesem Vortrag werde ich 1) den soziokulturellen Diskurs des Ama-Tauchens vorstellen und 2) Einblicke in die aktuelle Lebenssituation der Ama-Taucherinnen geben, basierend auf meinen qualitativen Interviews mit ihnen.

Timo Thelen, M.A. studierte Modernes Japan und Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, in Tokyo, Kanazawa und auf Okinawa. Derzeit ist er Lektor für Deutsche Sprache und Kulturanthropologie an der School of International Studies der Universität Kanazawa. Er lehrte und arbeitete viereinhalb Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Modernes Japan der Universität Düsseldorf, wo er 2018 promovierte. Seine Forschung beschäftigt sich mit dem ländlichen Japan und der modernen Populärkultur.

Sonntag, 13:30 UHR

Die ländliche Region in Japan (wie auch in vielen Teilen Europas) ist mit Herausforderungen konfrontiert – Abwanderung, Überalterung und die Schwächung der Infrastruktur tragen zu einer Verschlechterung der Lebensumstände bei. Geschäfte und Schulen müssen schließen, Häuser stehen leer und Felder werden nicht mehr bewirtschaftet. Der Begriff genkai shūraku (dt. „Dörfer am Rande ihrer Existenz”) ist in Japan über die akademischen Kreise hinaus bekannt geworden. Auf der anderen Seite gibt es japanische Medienprodukte, die das Land (inaka) als Schauplatz haben und positiv konnotieren. Zahlreiche Filme, TV- und Anime-Serien oder auch Videospiele thematisieren den Lebensalltag in ländlichen Gebieten und zeigen dabei dessen Vorzüge oder sogar Lösungsvorschläge für die oben genannten Schwierigkeiten auf. Wie genau wird inaka in diesen populären Medienprodukten also konstruiert – und welche konkreten Botschaften werden so darüber vermittelt? Anhand von Fallbeispielen soll untersucht werden, wie der ländliche Raum in japanischer Populärkultur entworfen wird und inwiefern diese Aussagen im Kontext des Diskurses um den „Niedergang des ländlichen Raumes” verortet werden können.

Christina Gmeinbauer, M.A. ist Doktorandin und Universitätsassistentin am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit japanischer Populärkultur und besonders mit japanischen Videospielen und betrachtet diese im Kontext der japanischen Gesellschaft. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation über weibliche Protagonistinnen in digitalen Spielen in Japan.

Dr. Isabelle Prochaska-Meyer ist Universitätsassistentin am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. Ihre Forschungsthemen umfassen die Religion Okinawas, sowie das ländliche Japan. Im Rahmen ihres Forschungsprojektes zu überalterten Gemeinden in Japan veröffentlichte sie den Dokumentarfilm “65+ Being old in rural Japan” (2014, Ko-Regie mit P. Kieninger).

Sonntag, 15:00 UHR

Popular narratives in the West often depict karate as Japanese martial art embodying the spirit of samurai. Such karate is a typical example of “invented tradition”, given the fact that in Okinawa, where karate was born, there were never samurai. This is not to say that karate is “fake” or “untrue” and thus lacks legitimacy to represent Japanese traditions. The problem lies elsewhere: karate narratives often confuse Okinawa with Japan and depict the entire Okinawan past by means of Japanese imagery, as if Okinawa had always been an integral part of Japan.

Professor Stanislaw Meyer – MA in Japanese Studies (Jagiellonian University), MA in Japanese History (University of the Ryukyus), PhD in Japanese Studies (University of Hong Kong). Research field: history of Okinawa. Current position: associate professor, Department of Japanology and Sinology, Jagiellonian University, Poland

Sonntag, 16:30 UHR

Keine Kameras in Zügen? Verlorenes Geld wird zur Polizei gebracht und kein Yen fehlt? Japans Sicherheit ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Niedrige Straftaten und ein vergleichsweise geringes Gefahrenbewusstsein zeichnen ein Bild von einem Land (fast) ohne Kriminalität. Umfragen innerhalb der japanischen Bevölkerung zeigen jedoch, dass das Unsicherheitsgefühl mit der Zeit angestiegen ist – trotz eines Rückgangs von Straftaten. Wie kann man diesen Unterschied erklären und welche Faktoren spielen eine Rolle bei dieser Veränderung? Dieser Vortrag gibt eine Einführung in das japanische Sicherheitsverständnis, Strategien der Polizei und zeigt anhand der Entwicklung von Security-Firmen, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert haben und auch weiterhin verändern können.

Sebastian Polak-Rottmann, M.A. ist Universitätsassistent und Doktorand am Institut für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sicherheit und Risiko in Japan, Sicherheit in den Olympischen Spielen in Tokyo und seit 2017 auch politische Partizipation und Wohlbefinden im ländlichen Japan. Ab Sommer 2019 ist er Teil eines von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geförderten interdisziplinären Projekts zu sozialen Beziehungen und Wohlbefinden in Japan.

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