Japanforschung auf der Connichi

Im deutschsprachigen Raum wird an unzähligen Standorten zu Japan geforscht. Ob direkt in der Japanologie oder in anderen Disziplinen: aktuelles Wissen zu Japan wird fleißig geschaffen und wartet nur darauf, geteilt zu werden. Auf der Connichi 2018 möchten wir ein Forum eröffnen, um in 12 Beiträgen von Dozenten, Doktoranden und Absolventen ganz verschiedener Disziplinen eine Plattform zu bieten und die deutschsprachige Japanforschung (und nicht nur diese!) einer breiten Öffentlichkeit leicht verständlich zugänglich zu machen. 


Freitag, 07.09.2018


Session 1 (15:30 - 16:15)

Fremdbegegnung im japanischen Videospiel

Christina Gmeinbauer, M.A. 

undefinedProfil: Doktorandin und Universitätsassistentin am Institut für Ostasienwissenschaften (Japanologie) der Universität Wien. Beschäftigung mit digitalen Spielen und Untersuchung dieser hinsichtlich ihrer Inhalte und Stilmittel. Derzeit Arbeit an Dissertation über Darstellungsformen weiblicher Protagonistinnen in japanischen Videospielen mit besonderer Aufmerksamkeit auf dem Zusammenspiel von erzählerischen und spielerischen Elementen, deren Verbindung ein wichtiges Merkmal moderner Spiele ausmacht. Weitere Forschungsinteressen: japanische Populärkultur sowie exophone Literatur in und aus Japan.


Obwohl Videospiele weltweit von einem breiten Publikum gespielt werden, erhalten sie relativ wenig wissenschaftliche Beachtung. Doch gerade weil so viele Menschen spielen, ist es wichtig, die Inhalte von Spielen zu verstehen. Hier widerspricht die Computerspielforschung stereotypen Ansichten, wie sie in der Killerspiel-Debatte oft genannt werden, und untersucht Spiele auf eine fundiertere Weise. In diesem Vortrag wird erklärt, welche Ideen zum Thema ‚Fremdbegegnung‘ in Videospielen geäußert werden und wie diese dazu anregen können, sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen.


Session 2 (16:45 - 17:30)

Diversität und Rechte sexueller Minderheiten in Japan

Regine Dieth, Assistant Professor

undefined Profil: Studium der Japanologie, Sinologie und Kunstgeschichte an der FU Berlin (M.A.). Von 1996 bis 2010 für verschiedene deutsche und japanische Organisationen tätig, u.a. JETRO, NRW Japan K.K. und die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan. Von 2010 bis 2015 Leiterin des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus Tokyo. Seit 2015 Assistant Professor an der Doshisha University in Kyoto, schwerpunktmäßig zuständig für DaF. Aktuelle Forschungsthemen sind Diversity Management in japanischen Unternehmen mit Fokus auf LGBT sowie Gender und Landwirtschaft.


In meinem Vortrag stelle ich aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Hinblick auf die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften in Japan vor. Die erstmalige Ausstellung von Partnerschaftsurkunden durch die Stadtverwaltung Shibuya im Herbst 2015 hat auf verschiedenen Ebenen Veränderungen angestoßen, die beschrieben und kommentiert werden. Dabei gehe ich insbesondere auf LGBT-bezogenes Diversity Management in japanischen Unternehmen ein.


Session 3 (18:00 - 18:45)

Dekonstruktion im Anime „One Punch Man“

Violetta Janzen, B.A.

undefinedProfil: Masterstudierende der Japanologie an der Universität Heidelberg, Bachelor in Ostasienwissenschaften. Austausch mit der Mie-Universität, aktuell im Rahmen des ISAP-Programms mit Stipendium des DAAD an der Universität Osaka. Seit Beginn der Master-Arbeit Anime als Forschungsgebiet (Thema: aktuelle Tendenzen im Magical Girl-Genre). Organisation einer studentischen Anime-Arbeitsgemeinschaft an ihrem Institut in Heidelberg.


Seit der Ausstrahlung von „Puella Magi Madoka Magica“ (2011) kam es in der internationalen Anime-Fancommunity zu hitzigen Diskussionen zum Thema „Genre-Dekonstruktion“. In der Präsentation soll diese Fan-Diskussion aufgegriffen werden und am Beispiel des erfolgreichen Shōnen-Anime „One Punch Man“ überprüft werden, inwiefern sich die Interpretationsmethoden von Dekonstruktion anwenden lassen.


Samstag, 08.09.2018


Session 1 (10:45 - 11:30)

Japans Wald - Mystik oder Wirtschaft?

Leonie Münzer + Tobias Boneberger, Studenten

undefinedProfil: Seit 2015 Studium B.Sc. Forstwirtschaft an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, Praxissemester an der Iwate University (Morioka, Japan). Studentische Hilfskraft für japanische Austauschstudenten und Waldbau. Bachelorarbeit 2019 über nachhaltige Plenterwälder in Aomori.


Die Wälder Japans – eine Welt voller exotischer Tiere und Pflanzen. Sie reichen von tropischen Mangrovenwäldern im Süden bis hin zu den verschneiten Nadelwäldern des Nordens. Der Wald war immer tief verankert in Japans Kultur und Mythen. Doch wie nahe kommt diese Welt der Mythen der Realität tatsächlich? Wer lebt in den Wäldern? Wer arbeitet dort? Welche Rolle spielt die Forstwirtschaft als Holzlieferant und was fühlen die Japaner für ihren Wald?


Session 2 (12:00 - 13:00)

Schule in Japan

Sabine Meise, Dipl.-Rehabilitationspädagogin

undefinedProfil: Dipl.-Rehabilitationspädagogin und Lehrerin für die unteren Klassen (DDR). Seit 1988 Arbeit als Lehrerin und Wissenschaftlerin an verschiedenen Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen - davon 10 Jahre in Japan (u. a. im JET-Programm, an der Ritsumeikan Uji JHS / SHS, am Goethe-Institut Kyôto und an der Universität für Fremdsprachen Kyôto). Publikation von Artikeln und Gestaltung von Ausstellungen sowie Vorträge und Workshops nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan, Malaysia, Luxemburg und der Schweiz. Seit November 2017 beschäftigt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik.


Noch immer stellen deutsche Medien japanische Schulen als „Drillanstalten“ dar. Auf dieser Negativfolie lässt sich das hervorragende Abschneiden der japanischen Schüler bei internationalen Vergleichsstudien (PISA, TIMSS usw.) ausreichend abwerten und verhindert Fragen nach dem pädagogischen Alltag und nach den Wegen zu diesen Erfolgen. Die Leistungen japanischer Schüler beeindrucken umso mehr, da in diesem fernöstlichen Bildungssystem weniger als 1% der Schüler mit „Unterstützungsbedarf“ 特別支援 tokubetsu shien (behinderte Schüler) an Sonderschulen segregiert beschult werden. Japan zeigt, dass hervorragende Leistungen und Integration/ Inklusion keinen Widerspruch darstellen müssen. Der Vortrag gibt umfangreiche Einblicke in den Schulalltag Japans (mit vielen Videos aus Hospitationen an Grund-, Mittel- und Oberschulen) und ermöglicht so ein Verstehen der aktuellen komplexen Herausforderung im Bereich Bildung und Erziehung.


Session 3 (13:30 - 14:15)

Matsuri: Japanische Volksfeste

Timo Thelen, M.A. 

undefinedProfil: Studium der Japanologie in Düsseldorf, Tokyo und Kanazawa. Seit 2013 wissenschaftliche Hilfskraft und Promotion am Institut für Modernes Japan der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Forschungsinteressen: regionale Kultur und Medientourismus.


Volksfeste (matsuri) befinden sich im gegenwärtigen Japan in einem paradoxen Zustand. Einerseits müssen viele traditionelle Schrein-Feste aufgrund von Überalterung und Bevölkerungsrückgang aufgegeben werden. Andererseits erleben neuartige Versionen dieser Feste einen anhaltenden Boom und ziehen Touristenmassen an. In meinem Vortrag werde ich diesen Widerspruch anhand von zwei Beispielen – ein dörfliches Schrein-Fest und ein „erfundenes“ Volksfest, das auf einem Anime basiert – diskutieren.


Session 4 (14:45 - 15:45)

Manga-Übersetzen, ein ewiger Kampf?

Verena Maser, Dr. 

undefinedProfil: Studium und anschließende Promotion in der Japanologie in Erlangen und Trier. Thema der Doktorarbeit: das yuri-Genre, Liebe zwischen Mädchen im Manga und Anime. Inzwischen beschäftigt als freiberufliche Übersetzerin von Manga und Anime. Unter anderem: "Bleach" (Anime), "Citrus" (Manga) und "Tekkon Kinkreet" (Manga).


Übersetzer von Manga und Anime haben es voll gut: sie kriegen die neuesten Episoden und Bände vor allen anderen. Aber warum dauert das Übersetzen denn immer so lange?! Verena Maser gibt einen Einblick in ihren Berufsalltag und in Freud und Leid des Übersetzerdaseins. Übersetzen ist mehr als das Ersetzen eines Wortes durch ein anderes - und grade bei Japanisch und Deutsch gibt es oft keine perfekten Lösungen.


Session 5 (16:15 - 17:00)

Tokyo: Hidden Context to Read the Chaotic Cityscapes undefined

Shun Yoshie, PhD Student

undefinedProfil: Major: City Planning, Architecture. Researcher of JSPS (Japan Society for the Promotion of Science), PhD student of School of Creative Science and Engineering at Waseda University, Tokyo. Studying socio-geography and participating several practical town-making acts and design of public architecture. Trying to update the city planning by targeting not only the physical spaces but the social spaces, which are desires, experiences and motivations.


At first glance, Tokyo looks completely chaotic, with many people and tower buildings in high density. This is because the historical context of Tokyo is hidden and can not be seen without prior knowledge. This presentation aims to figure out some traces of historical context that can be seen through cityscapes when you walk around Tokyo. Reading context is useful not just for city planners and architects, but also for tourists and visitors; surely you can find several paths to enjoy your tour around Tokyo.

Shun Yoshies Vortrag wird in englischer Sprache stattfinden.


Sonntag, 09.09.2018


Session 1 (10:30 - 11:30)

Die Takarazuka Revue - Theater ohne Männer

Nadine Richardt, M.A.

undefinedProfil: Studium der Japanologie und English Language and Linguistics an der Universität Trier, Abschlussarbeit über: "Der schöne Tod - Analyse einer idealisierten Männlichkeitsdarstellung in der Takarazuka Revue am Beispiel der Adaption des Musicals 'Elisabeth'". Danach Master, Japanologie Kernfach, Universität Trier, Abschlussarbeit über: "Desexualisierung einer Ikone? Die Darstellung des Prinzen Genji im Rahmen der ästhetischen Vorstellungen der Takarazuka Revue". Stipendium für ein Austauschjahr an der Sophia Universität in Tokyo. Seit 2018 Promotionsstudium an der Universität Trier.


Die Takarazuka Revue feierte 2014 ihr hundertjähriges Bestehen. Die Theatertruppe besticht dabei seit ihrer Gründung durch einen sehr eigenen Stil, der sich durch eine Mischung aus Musical und Las Vegas Revue Show auszeichnet. Romantische Geschichten stehen dabei ebenso im Mittelpunkt, wie die bekannten Klassiker der europäischen und amerikanischen Musicalbühnen. Ähnlich dem japanischen Kabuki Theater, welches nur von Männern aufgeführt wird, finden sich in der Takarazuka Revue nur junge, unverheiratete Frauen. Mitunter den größten Reiz üben hierbei die Otokoyaku aus. Das sind die Frauen der Truppe, welche die männlichen Rollen in den Stücken übernehmen. Aufgeführt wird hierbei auf der Bühne und im Alltag das romantische Bild eines idealisierten Mannes, welcher so in der japanischen Gesellschaft nicht existent ist. Unsere Vorstellungen von Gender, dem sozialen und kulturellen Geschlecht und Geschlechterrollen, haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer weiter verändert und unsere Gesellschaft ist Stück für Stück offener für neue Modelle sowie Ansichten geworden. Unter diesem Gesichtspunkt lohnt es sich, einen Blick auf die Rolle der Otokoyaku und ihre idealisierte Männlichkeitsdarstellung zu werfen und sich ihrer Tragweite bewusst zu werden.


Session 2 (12:00 - 12:45)

Miai – typografische Heiratsvermittlung

Doris Lang, Dipl.  

undefinedProfil: Studium der Japanologie in Wien und Bakkalaureat 2007. Sprachvertiefender einjähriger Aufenthalt in Tokio an der Tokyo University of Foreign Studies und ein anderthalbjähriger Forschungsaufenthalt an der Hitotsubashi University in Tokio. Von 2011 bis 2018 Studium von Grafik und Werbung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Diplom-Projekt: Entwicklung der Schrift "Miai" – eine digitale Schrift, in der Elemente der japanischen Kalligrafie auf die lateinische Schrift übertragen werden.


Die lateinische und die japanische Schrift sind zwei sehr unterschiedliche Welten. Kann sich die lateinische Schrift dennoch von der japanischen Schrift inspirieren lassen?
Die digitale Schrift "Miai" ist ein Experiment, das sich dieser Frage stellt, ohne dabei den Faktor der Lesbarkeit außer Acht zu lassen. Die lateinische Schrift wird dabei stilistisch nachvollziehbar an die japanische herangeführt. Ausgangspunkt waren selbst gestaltete japanische Schriftzeichen im Kaisho-Stil, welcher Standardschriftstil in Japan und Grundschriftstil in der japanischen Kalligrafie ist. Aus den so gestalteten Hiragana und Katakana wurden vier lateinische Schriftschnitte abgeleitet, die sich jeweils mit einem anderen Aspekt der japanischen Schrift auseinandersetzen. Der Vortrag ist eine Reise ins Feld der Schriftgestaltung und die Geschichte eines Versuchs, zwei Welten miteinander zu verbinden.


Session 3 (13:15 - 14:15)

Verbotene Bilder?

Jasmin Rückert, M.A.    

undefinedProfil: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Modernes Japan an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Forschungsinteressen: zivilgesellschaftliches Engagement, Populärkultur und unterschiedliche Themen die mit Queerness und LSBTIAQ zu tun haben..


In den Vortrag „Verbotene Bilder“ geht es um die Frage, wie bestimmte Produkte (zum Beispiel Manga) in Japan reguliert werden, welche Inhalte gezeigt werden dürfen – und welche nicht. Dabei werde ich zuerst kurz darauf eingehen, wie „Zensur“ in Japan früher angewendet wurde. Danach werden aktuelle Debatten darüber vorgestellt, welche Bilder für wen verfügbar sein sollen. Bei diesen Debatten geht es oberflächlich häufig um Jugendschutz und meist um Bilder mit sexuellen Inhalten. Aber wer ist wirklich von den Regulierungen betroffen, wer befürwortet sie und wer spricht sich dagegen aus? Und wie sehen die Regulationen von japanischen populärkulturellen Produkten in anderen Ländern aus? Diese Fragen sollen in dem Vortrag geklärt werden, zur Diskussion wird herzlich eingeladen!


Session 4 (14:45 - 15:30)

‚Fukushima‘, die Bürgerbewegung und die Japanologie

Seiji Hattori, M.A.     

undefinedProfil: Studium der Germanistik an der Fremdsprachenhochschule Tokyo und am Magisterkurs der Städtischen Universität Tokyo. Von 1985 bis 1994 Dozent für Deutsch und Germanistik an der Frauen- und Präfektur-Universität Shizuoka in Japan. Derzeit Lehrbeauftragter im ZfbK der Universität Gießen sowie in der Japanologie der Universität Frankfurt. Zugleich Promotion über Kafka an der Universität Gießen. Forschungsschwerpunkte: Literatur der Jahrhundertwende sowie des Expressionismus; Visualität, Körperlichkeit, Akustik und Emotionalität; Transkulturalität und Postkolonialismus; die phantastische Literatur in Japan.


Oft heißt es hierzulande: „Durch ‚Fukushima‘ hat sich die Welt verändert.“ Das betrifft allerdings allenfalls eine ökologische „Wende“. Die weltgeschichtliche Bedeutung der Atomkatastrophe in Fukushima im kulturell-zivilisatorischen Sinne hängt jedoch eng mit der Frage zusammen: „Warum trotz ‚Hiroshima‘ und ‚Nagasaki‘ auch noch ‚Fukushima‘ ausgerechnet in Japan?“ Um diese Frage zu erörtern, möchte ich auf die Geschichte der japanischen Moderne, besonders die Nachkriegsgeschichte seit 1945 zurückgreifen. Dabei fokussiere ich mich auf die Bürgerbewegungen um 1960, 1968 und nicht zuletzt nach dem 11.03.2011. Abschließend soll aufgezeigt werden, welche Bedeutung der Japan-Forschung in der heutigen ‚Post-Fukushima‘-Ära zukommt.